Wie war es damals?

Unterricht an der Realschule Neue Friedrichstraße nach dem zweiten Weltkrieg

Bericht eines Ehemaligen Schülers der RNF, dessen Töchter ebenfalls die Schule besucht haben:

K.H. Mencke (8.11.2007)

Tagtäglich wird über unser Schulwesen diskutiert und es sieht so aus, als wären die Probleme noch nie so groß gewesen wie heute. Die Pisastudie hat alle geschockt.

Vor ziemlich genau 51 Jahren erhielt ich das Abschlusszeugnis und ich möchte das als Anlass nehmen, um zu berichten, wie es nach dem Krieg an der Realschule Neue Friedrichstraße zuging. Hatten die Schüler es damals leichter, wie waren die Bedingungen, wie waren die Anforderungen damals - direkt nach dem Krieg?

Ich gehe noch einen Schritt weiter zurück. Eigentlich sollte ich schon 1945 eingeschult werden, aber wegen des Krieges war das erst 1946 möglich und am 1. April kam ich endlich in die sogenannte Volksschule (Anm.: Zu der Zeit begann das neue Schuljahr immer zu Ostern.)

Wir waren bis zu 70 Schüler in der Klasse.

Die Lehrmittel waren sehr beschränkt. Man konnte deutlich sehen, Holz war das Ausgangsmaterial für Papier.

An 6 Tagen war Unterricht und da keine Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln möglich war, lief ich als Idötzchen über 21 km in der Woche zur Schule.

In der vierten Klasse wurden wir regelrecht mit Diktaten und Rechenarbeiten getrimmt, denn die Aufnahmeprüfung für eine weitergehende Schule stand bevor. Nur ein Fünftel der Klasse ging zur Realschule oder zum Gymnasium.

Für die Realschule Neue Friedrichstraße, die einzige Realschule für Jungen in Elberfeld, gab es über 500 Anmeldungen, aber 225 konnte nur aufgenommen werden. Bei der Aufnahmeprüfung mussten ein Diktat, eine Nacherzählung (eine Fabel: Der Fuchs und der Rabe) und eine Rechenarbeit geschrieben werden.

 

Es gab dann 4 Parallelklassen. Unsere Klasse hatte 56 Schüler. Wir hatten in der Klasse Schulbänke, denn mit Tischen wäre es gar nicht möglich gewesen, diese Anzahl an Schülern in den Klassenräumen unterzubringen. Man kann sich heute gar nicht vorstellen, wie so viele Schüler in einem Klassenraum Platz fanden. (Anm.: Wenn heute 30 Schüler Platz finden in einer Klasse, dann ist das schon viel.) Dazu kam noch das große Raumproblem. Die 24 bis 26 Klassen mussten im Hauptgebäude untergebracht werden, denn im Nebengebäude war die Berufsschule untergebracht. (Anm.: Wir haben zur Zeit 19 Klassen.) Es gab sogenannte Springerklassen, deren Klassenraum war zum Beispiel der Physikraum, die Aula, die Turnhalle., der Werkraum, oder der Zeichensaal. Wenn eine Klasse den Raum benötigte, dann ging die andere Klasse in den freigewordenen Klassenraum. Probleme gab es beim Religionsunterricht, man brauchte ja jetzt zwei Räume. So wurde die kleinere Gruppe (Katholiken) im Lehrmittelraum zwischen Skelett und ausgestopften Vögeln unterrichtet oder die Lehrer wurden sogar aus dem Lehrerzimmer vertrieben. Der Unterricht fand auch in zwei Schichten statt, sodass ein Teil der Schüler nachmittags kommen musste. Die Räumlichkeiten waren gut genutzt, dann abends nutzte noch eine Privatschule die Räumlichkeiten. In den Räumen der Schule wurden fast 2000 Schüler unterrichtet. Heute sind es ca. 500 und man klagt über Platzmangel.

So ähnlich sah es früher in den Klassenzimmern aus

Im zweiten Jahr hatten wir anstatt Turnen Schwimmen bei Herrn Hoffmann. Dieser wurde später dadurch bekannt, dass er manchem Schwimmer bei Olympiaden zu Medaillen verholfen hat. Wir hatten eine Stunde Zeit, um von der Schule nach Barmen zum Kurbad zu gehen. Zurück gingen wir auch zu Fuß, sodass ich an diesem Tag 14 km lief. Samstags wurde auch immer unterrichtet. Für Arbeitsgemeinschaften, Werken oder später auch Maschinenschreiben mussten wir noch ein zweites Mal zur Schule kommen. an diesem Tag hatte ich dann über 10 km Schulweg zu gehen und in der Woche kamen über 50 km zusammen. Es hat mir nicht geschadet und ich bin heute immer noch gut zu Fuß.

Aber es wurde nicht nur gelehrt. Auch damals gab es schon Aktivitäten, die nicht im Lehrplan standen. Es gab ein Schulorchester unter Leitung von Frau Röllinghoff, einen Schulchor mit Herrn Ehlers und Herr Mühlheims studierte Laienspiele ein. Es gab auch schon mal Karten fürs Theater oder Kino. Horst Tappert (jahrelang als Kommissar im Fernsehen) gehörte damals zum Schauspielensemble im Theater an der Bergstraße. Opern wurden in der Stadthalle aufgeführt. Der Film "Julius Caesar" als Shakespeares Schauspiel - Verfilmung ist mir heute noch in lebendiger Erinnerung geblieben.

Frau Röllinghoff

Weiter gab es Arbeitsgemeinschaften wie z. B. "Photo" bei Herrn Hoff, "Biologie" bei Herrn Tappe oder "Radiotechnik" bei Herrn Luft. Damals wurden die Radios noch mit Röhren zusammengebaut, denn die Transistortechnik stand noch ganz am Anfang.

Im Jahr 1952 wurde in unserer Schule für die Anschaffung eines Tonbandgerätes gesammelt. Das war etwas ganz Besonderes, denn die Schüler sollten auch mal ihre eigene Aussprache hören. Der Preis war für Heute unvorstellbar hoch, meines Wissens kostete es 1000 DM. (Einen VW-Käfer bekam man schon für ca. 4000 DM.)

Es wurden auch Ausflüge gemacht. 1950 gab es einen großen Ausflug. Mit einem Sonderzug fuhren Lehrer, Schüler  und Eltern nach Königswinter. Dann ging es hinauf auf den Drachenfels. Mittags wurde die Fahrt mit einem der Raddampfer der KD nach Köln fortgesetzt. Für mich war es die erste Fahrt mit einem Schiff. Dann ging es mit dem Sonderzug zurück nach Wuppertal. Im Mai 1953 wurde in zwei Gruppen eine zweiwöchige Fahrt für alle Schüler der Schule nach Hörnung auf Sylt organisiert. Es gab aber auch Klassenfahrten, bei denen man in Jugendherbergen übernachtete. Unsere Abschlussfahrt ging nach Goslar in den Harz.

Nach der achten Klasse ging es noch einmal richtig zur Sache: Ein Teil der Schüler hatte dann die Schule verlassen, denn man hatte nur 8 Jahre Schulpflicht. Aus vier Parallelklassen wurden fünf. Wir waren dann nur noch 26 in der Klasse. In den Hauptfächern hatten wir fünf bis sechs Unterrichtstunden pro Woche, in den Nebenfächern eine bis drei. In Physik hatten wir  in den letzten zwei Jahren jede Woche drei Stunden. Insgesamt kamen wir dann auf 38 Unterrichtstunden und dazu kamen bei mir noch zwei Arbeitsgemeinschaften dazu, was zusammen 42 Stunden ausmachte. An manchen Tagen ging ich ja zwei mal den Weg zur Schule und das machten ca. 12 Stunden Schulweg pro Woche aus. Es waren täglich auch ein paar Stunden für Hausaufgaben fällig. Im letzten Jahr kam dann noch die Jahresarbeit dazu: Fulltime - Job mit Überstunden. Da blieb in der Woche kaum etwas für Freizeit übrig.
Um einen Abschluss zu bekommen, musste eine Jahresarbeit geschrieben werden. Man ging zu einem Fachlehrer, in dessen Fach man sie schreiben wollte und ließ sich ein Thema geben. Einer schrieb über Geigenbau, ein anderer hatte das Thema Bauernhäuser in Deutschland, Themen über Geschichte oder auch Biologiethemen, wie mikroskopische Beobachtungen wurden gewählt.
Eine ganze Reihe an Klassenarbeiten wurde im Laufe des Jahres geschrieben, in den Hauptfächern 10, in Deutsch 10 Aufsätze und 10 Diktate, in den Nebenfächern 5, so dass wir auf ca. 80 Klassenarbeiten im Jahr kamen. Es wurden auch viele Gedichte, Balladen und Lieder auswendig gelernt. Die volle Länge von Schillers Lied von der Glocke blieb uns erspart. Ein Alptraum war für mich, als wir einmal 350 Vokabeln von heute auf morgen lernen mussten. Glocke von Schiller

(Wer wissen will, wie lang das Gedicht ist ...)

Wenn auch diese Zeit für mich nicht leicht war, so habe ich doch einen großen Schatz in Form von Grundausbildung bekommen, was mir später manches im Leben erleichterte.
Sprachen waren nicht meine Sache. Auf einer Fachschule war ich aber der einzige von fast 100 Schülern, der vom zusätzlichen Deutschunterricht befreit war, obwohl ich im Zeugnis der RNF nur ein ausreichend hatte. Ähnlich ging es mir so mit Englisch, als ich mein Collegegrade - Examination in USA machte. Allerdings haben sich auch die Zeiten an der RNF geändert. Meinen Kindern wurde weniger Unterrichtsstoff angeboten.

 

Was das Lehrerkollegium mit Herrn Direktor Krämer an der Spitze damals geleistet hat, verdient größte Anerkennung. Mir liegt eine Aufnahme vom Lehrerkollegium von 1952 vor und ich zähle ebenso viele Lehrer wie auf dem Bild des heutigen Kollegiums auf der Webseite der Schule. (Anm.: Bilder von Schülern und Lehrern siehe auch unten!!!)

Die Schule hatte über 1000 Schüler. Ich weiß zwar nicht, wie viele Schüler heute an der Schule sind, aber ich schätze weniger als die Hälfte. (Anm.: ca. 500 zur Zeit, stimmt also!!!) 
Unterrichtsausfall gab es damals nicht. War ein Lehrer krank, so hatten wir Unterricht bei einer Vertretung. 
Dazu kamen die ganzen Probleme mit den Räumlichkeiten.
 

Die Schule hatte wohl ein hohes Niveau. Ein Mangelhaft in Deutsch hieß, die Klasse noch einmal wiederholen. Einsen in anderen Fächern konnten das nicht ausgleichen. 

Über fünfhundert Schüler hatten sich 1950 für die Schule angemeldet, 225 wurden aufgenommen, aber nur ca. hundert haben, ohne sitzen zu bleiben, nach 6 Jahren den Abschluss geschafft.  Das heißt, von ganz Elberfeld und Cronenberg gab es 1956 also nur ca. 100 Jungen, die einen Realschulabschluss ohne "Ehrenrunde" schafften. Wegen Platzmangel konnte man nur begrenzt Schüler aufnehmen und deshalb waren die Anforderungen recht hoch.
Nicht unerwähnt sollte auch bleiben, dass im Monat für die Schüler ein 15 DM hohes Schulgeld gezahlt werden musste. Dazu kam auch noch das Geld für die Lehrbücher. Es waren sicher auch einige Eltern, die gar nicht das Schulgeld aufbringen konnten. Die Stundenlöhne waren niedrig, ein Geselle bekam nur 1,50 DM oder 2 DM als Stundenlohn.
Wie ist es nun im Vergleich zu heute. Vor einigen Jahren habe ich einem Kreis von Abiturienten und Realschülern unsere Aufgaben der Abschlussklausur in Mathematik vorgelegt. Es war nicht einer dabei, der nur eine einzige Aufgabe lösen konnte. (Anm.: Wer sich für die Aufgaben interessiert, klickt bitte auf das Bild rechts. Wer die Aufgaben lösen kann, schickt bitte seine Lösung an: rnf_wuppertal@yahoo.de)

Eine meiner Auszubildenden hatte ausreichend in Mathematik und konnte nicht eine dreistellige Zahl halbieren oder 1000 durch 100 dividieren. In Deutsch hatte sie im Bewerbungsschreiben ein Gut. Sie war (keine Ausländerin) nicht in der Lage, einen einfachen Bericht zu schreiben. Die Orthographie war katastrophal. Manchmal musste man erst überlegen, was es heißen konnte (apstant = Abstand). So etwas kommt sicher häufiger vor. Unbegreiflich für mich war, dass sie einen Abschluss der mittleren Reife hatte (nicht von der RNF). Das heißt also, diese Schülerin hatte nach 10 Jahren mit dem Reifezeugnis nicht die Kenntnisse, die damals von einem Viertklässler verlangt wurden, der zur Realschule wollte. Bei der Aufnahmeprüfung hätte sie nicht die geringste Spur einer Chance gehabt, sie zu bestehen.
Haben die Schüler es heute schwerer? Ich glaube, ja. 
Wenn man einem Marathonläufer sagt, du musst trainieren, aber du darfst dich auf keinen Fall zu sehr anstrengen, es könnte dir schaden, dann weiß man, was dabei herauskommt. (Das Leben ist auch ein Marathon.) Wir waren stärker belastbar. Der Krieg war vorbei und wir fühlten, dass wir es eigentlich im Verhältnis zu früher sehr gut hatten. Was für Strapazen hatten doch die Leute einige Jahre zuvor als Ausgebombte oder Vertriebene mitgemacht. Es gab noch kein Fernsehen, keine Computer, die uns ablenkten, weniger Freizeit und Drogen war auch kein Thema.

Der Marathonlauf ist eine auf Straßen oder Wegen ausgetragene sportliche Veranstaltung über 42,195 Kilometer und zugleich die längste olympische Laufdisziplin in der Leichtathletik. Bei Olympischen Spielen wird die Marathonstrecke seit 1896 von den Männern gelaufen (allerdings zunächst nur auf ca. 40 Kilometer Länge) und von Frauen seit 1984. (Nach "wikipedia")

Viel Schuld haben auch die Politiker. Man bekommt nicht dadurch mehr Schüler mit Hochschulreife als Abschluss, indem man die Messlatte in den Boden versenkt. Aber die Zeiten ändern sich wieder. Der Pisaschock zeigt seine Wirkung.
In der Eingangshalle des Nordeingangs gab es etwas, was bei Renovierungsarbeiten in den 60er oder 70er Jahren entfernt wurde. Es passte wohl nicht mehr in diese Zeit.

Wer Dir das Wollen gab, schlägt dir das Können nicht ab!

Schade!
Bleibt mir nur zu sagen, wer gut trainiert ist, hat es leichter und das gilt nicht nur im Sport!

K.H. Mencke

Hier noch einige interessante Bilder aus der damaligen Zeit:

Herr Luft 1955 

beim Physikunterricht: 

 Herr Tappe 1955

Biologie

    Frau Röllinghoff 1954

   Englisch und Geschichte

 

bearbeitet von: I. Canters

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